Allen, die in den letzten Wochen am Nordufer des Werbeliner Sees oder im Bereich der alten Tagesanlagen des ehemaligen Tagebaus unterwegs waren, wird es aufgefallen sein: Hier sieht’s ja schlimm aus! Großgeräte wälzen sich über die Fläche und hinterlassen hässliche Fahrspuren, Büsche und Bäume werden gerodet und liegen auf riesigen Haufen in der Landschaft, und es hat stellenweise mehr den Charakter einer Großbaustelle als eines Naturschutzgebiets. Wie passt nun diese Zerstörung der Landschaft mit dem Naturschutz zusammen?
Das Naturschutzgebiet Werbeliner See liegt mitten im Vogelschutzgebiet „Agrarraum und Bergbaufolgelandschaft bei Delitzsch“. Als dieses im Jahr 2006 ausgewiesen wurde, sahen die Flächen noch ganz anders aus: Die Landschaft war frisch vom Tagebau geprägt, überall gab es Rohboden und schüttere, karge Vegetation.

Solche Lebensräume entstehen natürlich beispielsweise infolge von Überschwemmungen unbegradigter Flüsse, wie es sie hier aber kaum mehr gibt. In den folgenden Jahren wuchs eine reichhaltige Wiesenvegetation auf und bildete sehr wertvolle Lebensräume, welche von seltenen und bestandsbedrohten Arten wie dem Brachpieper, Braunkehlchen, Raubwürger und Steinschmätzer besiedelt wurden. Viele dieser Arten sind deshalb als sogenannte „Zielarten“ des Vogelschutzgebiets festgesetzt worden. Das heißt, dass das Gebiet explizit zum Erhalt dieser Arten existiert und sich deren Lebensbedingungen dort nach EU-Recht nicht verschlechtern dürfen.




Doch mit der Zeit wuchsen die ehemals offenen und schütteren Flächen immer weiter zu. Es kam eine dichter werdende Buschandschaft auf und nach und nach wurde diese immer mehr von Bäumen durchsetzt und der Charakter der Landschaft änderte sich. Dies führte dazu, dass die oben erwähnten Arten immer seltener wurden oder ganz verschwanden, da sie dichte Vegetation und hoch aus der Landschaft herausragende Strukturen meiden. Gleichzeitig siedelten sich ohnehin schon häufige Arten wie Amsel und Rotkehlchen an.
Die nun stattfindenden Rodungsarbeiten zerstören also nicht die Landschaft, sondern stellen teilweise einen ähnlichen Zustand wie vor 15 Jahren wieder her. Zu diesem Zweck werden etwas mehr als 40 Hektar komplett von Büschen und Bäumen befreit, während aber andere Teile der Fläche unangetastet bleiben und sich weiter entwickeln dürfen. Zuerst werden die ganzen Gewächse mit Großmaschinen gerodet und verbleiben kurze Zeit auf der Fläche. Das Schnittgut muss anschließend entfernt werden, weil sonst durch die natürliche Verrottung der Boden gedüngt wird. Dies ist aber unerwünscht, da die margeren, kargen Böden des ehemaligen Tagebaus naturschutzfachlich eine Besonderheit in der sonst so überdüngten Landschaft darstellen und unbedingt erhalten bleiben müssen.




Insgesamt soll so im Norden des Werbeliner Sees ein 100 Hektar umfassender Landschaftskomplex gestaltet werden, in dem viele verschiedene Arten Lebensraum finden – solche, die Büsche und Bäume benötigen, und eben solche, die offene, weiter Flächen brauchen. Dies fasst den Gedanken des Naturschutzgebiets perfekt auf, da es durch seine heterogene Struktur einer Vielzahl verschiedener Spezies mit diversen Ansprüchen Habitate darbietet.

Damit die Flächen nicht gleich wieder zuwachsen, geht die zurzeit stattfindende Entbuschung auch mit einer Folgepflege einher: Die 100 Hektar werden gegen Ende des Winters mit einem Zaun versehen, wie er schon um einige Flächen am Grabschützer See zu finden ist. Auch hier ab dem Frühjahr eine Beweidung mit Rindern und/oder Pferden stattfinden, die langfristig als Landschaftspfleger fungieren.
Denn diese Tiere machen, was sie schon immer gemacht haben: Im Sommer werden sie die Gräser und Kräuter fressen und so in der Grasflur für offenere Stellen sorgen, welche wichtig für Vögel zur Nahrungssuche und für Insekten zum Anlegen von Bruthöhlen sind. Im Winter dann fressen die Tiere eher den frischen, noch grünen Aufwuchs der Büsche und Bäume und verhindern so, dass diese wieder Fuß fassen und die Fläche erneut überwuchern. Durch Trittschäden und das Wälzen auf dem Boden erzeugen sie außerdem karge Offenstellen, die ebenfalls für Insekten eine hohe Bedeutung als Bruthabitate darstellen. So wird durch einen natürlichen Prozess die Landschaft heterogener und damit wertvoller gehalten, sodass hier viele seltene Arten langfristig Lebensraum finden können.

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