Seit 2024 führen wir jedes Jahr im NSG Werbeliner See einen großen Tag der Artenvielfalt durch. Bei diesem werden verschiedene ausgewählte Artgruppen beleuchtet und es wird versucht, neue Arten für das Naturschutzgebiet nachzuweisen. Dafür sind Fachleute für die jeweilige Artgruppe eingeladen, die dann mit einigen interessierten Menschen losziehen und versuchen, möglichst viele Arten zu finden. Nebenher lernen die Interessierten noch spannende Fakten, wie zum Beispiel Ökologie, Nachweismethoden oder besondere Vertreter. Wie auch letztes Jahr fand der Tag der Artenvielfalt dieses Jahr an zwei Terminen statt: Am Abend des 03. Juli für nachtaktive Tiere und tagsüber am 05. Juli für tagaktive Tiere und Pflanzen. Die Aktion war wieder ein voller Erfolg: Dieses Jahr konnten sogar noch mehr neue Nachweise erbracht werden als in den letzten beiden Jahren!
Die Entdeckungen der NACHT – 03. Juli 2026
Der Nachtteil war mit 31 Teilnehmenden sehr gut besucht und in zwei Gruppen aufgeteilt. Zum Sonnenuntergang gab es recht starken Wind, welcher für das Vorhaben problematisch hätte werden können, zum Glück jedoch nahm dieser schnell ab und die Bedingungen wurden wieder deutlich besser.

In einer der Gruppen wurden die Fledermäuse von Colette Henrichsmann und ihrem Team vom NABU Leipzig untersucht. Dafür wurde zum einen ein BAT-Detektor verwendet, welcher die Rufe der Tiere erfasst und für das menschliche Ohr hörbar macht. Dadurch konnten Mücken-, Rauhaut- und Breitflügelfledermaus nachgewiesen werden. Zum anderen wurden auch Fangnetze aufgestellt, da einige Arten anhand ihrer Rufe nicht unterscheidbar sind und nicht in der Hand sicher bestimmt werden können. Dabei wurden zwei Breitflügelfledermäuse und ein Großer Abendsegler gefangen. Die Breitflügelfledermäuse waren beides Weibchen mit gut sichtbaren Zitzen, was ein sicherer Nachweis für die Reproduktion in der näheren Umgebung ist. Durch den Wind konnten leider keine kleinerenn Vertreter der Fledermäuse gefangen werden.
Fazit: 4 Arten nachgewiesen, davon 0 neue Arten

Die andere Gruppe widmete sich den nachtaktiven Insekten, vor allem den Nachtfaltern. Für diese verwendete Andreas Raffelt mit seinen Helferinnen zwei Methoden: Zum einen wurde ein Lichtturm mit weißem Stoff errichtet, welcher von vielen Insekten angeflogen wird, die dann auf dem Stoff sitzen und gefangen werden können. Zum anderen wurde ein gärender Lockstoff aus Malzbier, überreifer Banane und Hefe an Bäume gestrichen, was auf viele Insekten als Futterquelle sehr anziehend wirkt. Während sie diese genüsslich verzehren bleiben sie ruhig am Baum sitzen und können dabei gut untersucht oder gefangen werden. Da zum ersten Mal mit diesen Methoden im Naturschutzgebiet gearbeitet wurde, konnten zahlreiche Tierarten zum ersten Mal nachgewiesen werden. Besonders waren darunter das sehr seltene Schwarze Ordensband und auch viele Individuen vom Roten Ordensband.
Fazit: 41 Arten nachgewiesen, davon 27 neue Arten


Die Entdeckungen am TAG – 05. Juli 2026
Während des Tagteils war das Wetter leider durchwachsen. Vor allem zum Anfang gab es immer wieder Schauer und stärkeren Wind, was zur Inaktivität bei vielen Insekten führt. Die Bedingungen besserten sich jedoch ebenso und es konnten viele Arten gefunden werden. Insgesamt nahmen 27 Interessierte Teil, welche sich auf vier Gruppen verteilten.

Mit Frank Borleis vom Naturkundemuseum wurden die Mollusken, also Weichtiere wie Muscheln und Schnecken, betrachtet. Da diese bekanntermaßen eher langsam sind und sich nicht über die Luft ausbreiten können, ist die Diversität in der jungen Tagebaufolgelandschaft noch relativ gering. Trotzdem konnten einige Arten gefunden und auch welche zum ersten Mal nachgewiesen werden. Besonders anpassungsfähige und massenhaft vorkommende Arten können das Gebiet schnell erschließen, wie viele Funde von beispielsweise der Kartäuserschnecke belegen.
Fazit: 11 Arten nachgewiesen, davon 4 neue Arten

Die Pflanzen untersuchte Volker Dittmann von der uNB Nordsachsen untersuchte mit seiner Gruppe. Zwar wurden diese schon öfter gut unter die Lupe genommen, jedoch gibt es hier so viele Arten, dass eigentlich jedes Mal neue Nachweise gelingen können. Auch sorgen die natürliche Dynamik sowie der Klimawandel für eine stetige Veränderung. Damit können sich immer neue Pflanzen – und damit auch an sie angepasste Insekten- und andere Tierarten – neu ansiedeln.
Fazit: 143 Arten nachgewiesen, davon 12 neue Arten

Für die genaue Betrachtung der Wildbienen war Christoph Saure vom Senckenberg Institut in Berlin bei uns. Aufgrund des Wetters war bei dieser Artgruppe die Aktivität etwas geringer, und doch konnten einige neue Arten gefunden werden. Darunter war auch die Südliche Goldfurchenbiene, welche vom Klimawandel profitiert und sich in Deutschland ausbreitet. Da sich Christoph Saure auch mit anderen Artgruppen gut auskennt, wurden Hummeln und Schwebfliegen ebenfalls unter die Lupe genommen. Die Bestimmung vieler Insekten ist oft aufgrund sehr kleiner Bestimmungsmerkmale kompliziert und erfordert entsprechende Vergrößerungsoptik, sodass eine genaue Ansprache der Arten im Feld unter Umständen nicht möglich ist. Daher erfolgt hier eine Nachbestimmung der gesammelten Tiere und die genaue Artenliste werden wir erst in einigen Wochen erhalten.
Fazit: ~20 Arten an Wildbienen nachgewiesen, davon vermutlich alle neu

Eine weitere Gruppe von Interessierten untersuchte die Goldwespen zusammen mit dem Spezialisten Tom Kwast. Sie stellen eine kleinere, aber sehr attraktive Gruppe an wilden Taillenwespen dar, die offene Sandflächen, Totholz und viele Blütenpflanzen benötigen. Außerdem parasitieren sie Wildbienen und sind auf deren Vorkommen angewiesen. Insofern stellt das NSG Werbeliner See für die Artengruppe einen Hotspot dar, wo die Hälfte aller in Sachsen vorkommenden Goldwespen bereits nachgewiesen wurden. Auch hier war die Suche durch das Wetter erschwert, es konnten jedoch immerhin zwei Arten gefunden werden. Tom Kwast kennt sich ebenfalls gut mit Käfern aus, weshalb die Gruppe auch aus dieser Artengruppe Tiere sammelte.
Fazit: 2 Arten nachgewiesen, davon 0 neue Arten

Und schließlich wurden die Käfer zusammen mit Max Olbricht von der uNB des Landkreis Leipzig näher betrachtet. Auch hier ist eine aufwändige Nachbestimmung oft nur mit Binokular möglich, weshalb die vollständige Artenliste nachgereicht wird, aber auch hier konnten zahlreiche neue Arten gefunden werden. Vor allem waren die großen Gruppen der Rüsselkäfer und der Blattkäfer vertreten, aber auch Dungkäfer in den Kotfladen der Rinder und verschiedene Wasserkäfer im Zwochauer See konnten gefunden werden. Ein Fund war ganz besonders: Der Getreidebock wurde zum ersten Mal für ganz Sachsen nachgewiesen! Zusätzlich wurden Wanzen gesammelt, welche zur Zeit von einem Spezialisten bestimmt werden und die ebenfalls allesamt neue Nachweise für das Naturschutzgebiet darstellen werden.
Fazit: ~60 Arten nachgewiesen, davon alle neu

RESUMÉ
Insgesamt konnten beim diesjährigen Tag der Artenvielfalt an die 140 neue Arten für das Naturschutzgebiet gefunden werden. Damit steigt die Artenliste auf etwa 1300 Arten an, von denen etwa ein Viertel Pflanzen darstellen. So hoch diese Zahl auch wirkt, bisher sind die wenigsten Artengruppen gut und systematisch untersucht und es handelt sich immer noch um einen kleinen Teil der hier tatsächlich vorkommenden Lebensformen. Viele große Artengruppen, wie z.B. die Platt- und Ringelwürmer, Fliegen oder Zikaden wurden bisher noch überhaupt nicht untersucht. Dies zeigt, was für eine ungeheure Artenvielfalt bei uns im Naturschutzgebiet herrscht.
In der umliegenden intensiv genutzten Landschaft kommt der Großteil der Arten nicht mehr vor, da sie dort keine Lebensgrundlage mehr besitzen. Dadurch wird wieder einmal die Wichtigkeit naturnaher und strukturreicher Landschaften mit verschiedenen Habitaten als letzte Rückzugsorte für viele Arten betont. Diese müssen unbedingt unter Naturschutz stehen, da sie sonst keine Chance haben, weiterhin als Oase für Biodiversität zu fungieren.
Abgesehen davon war der Tag der Artenvielfalt auch wieder durch viel Spaß zusammen in der Natur und interessante Gespräche geprägt. Wir freuen uns sehr auf nächstes Jahr!